Vom synergetischen „Dreiklang“ einer Deponieerweiterung in Wicker

Artikel aus der Hochheimer Zeitung von Freitag, 17.04.2020

In Zeiten von Covid-19 ruht vieles oder muss auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Alles wirkt entschleunigt, Menschen fokussieren auf das Virus-Thema, da es jeden betrifft, mit Kontaktvermeidung und der Aufforderung, möglichst zu Hause zu bleiben. In diesen Zeiten haben es andere Themen schwer, überhaupt Aufmerksamkeit zu finden, obwohl sie durchaus von Bedeutung sind und zukunftsweisend sein können.

Für den Bereich für Massenheim und Hochheim, Wicker und Flörsheim betrifft dies konkret das Thema um die Zukunft der Rhein-Main-Deponie (RMD). Freilich bleiben auch dort angestoßene Prozesse in der Warteschleife, sind aber virulent und gehen, wenn auch verlangsamt, ihren Gang.

650.000 Euro für Gutachten sind bereits ausgegeben

Zur Erinnerung: Der Aufsichtsrat der Rhein-Main-Deponie GmbH beschloss, kostenintensive und umfangreiche Untersuchungen in Auftrag zu geben, um einen möglichen Antrag an das Regierungspräsidium Darmstadt vorzubereiten. Sofern die Einreichung des Antrags von den beiden gleichberechtigten Gesellschaftern, Main-Taunus-Kreis und Hochtaunuskreis, von deren jeweiligen Kreistagen beschlossen werden sollte, würde ein Planfeststellungsverfahren eingeleitet, an dessen Ende die Betriebserlaubnis zur Genehmigung einer neuen Deponie auf der alten Deponie in Wicker stehen könnte.

Im Zuge des notwendig gewordenen finanziellen Sanierungskonzepts hatte RMD-Geschäftsführer Heino von Winning den Vorschlag unterbreitet, den Deponiebetrieb für weitere 20 Jahre fortzuführen mit dem Konzept einer „Deponie auf Deponie“ (DaD). Hierdurch könnten dringend benötigte Einnahmen für die Gesellschaft generiert werden, um den enormen Schuldenstand abzubauen von derzeit mehr als 60 Millionen Euro. Gleichzeitig würde die Entsorgungssicherheit für den in der Rhein-Main-Region anfallenden verbrannten Hausmüll (Schlacke) sowie Bauschutt über Jahre gewährleistet werden und für Gebührensicherheit sorgen. Last but not least würde das DaD-Konzept umwelttechnisch die Situation für den (alten) Deponiekörper nachhaltig verbessern.

In der Rhein-Main-Region besteht Entsorgungsbedarf für Schlacke aus den Müllverbrennungsanlagen in Frankfurt und Offenbach. Das regionale Unternehmen der Abfallwirtschaft, die Rhein-Main-Abfall GmbH, bestehend aus den Städten Frankfurt, Offenbach und Maintal, sowie den Kreisen Offenbach, Hochtaunus und Main-Taunus, sieht in der Erweiterung einer bereits bestehenden Deponieanlage die beste Möglichkeit, um die Entsorgungssicherheit in der Region zu gewährleisten, betont der RMD-Geschäftsführer.

Die Nachfrage nach weiteren Lagerungsflächen von Schlacke und Bauschutt sei evident. Dies werde der hessische Abfallwirtschaftsplan für Hessen ausweisen, der Mitte nächstes Jahr vom Umweltministerium herausgegeben wird, der die Bedarfe für die nächsten 20 Jahre abbildet. Mit Sicherheit werde darin empfohlen werden, die Option des Weiterbetreibens bestehender Anlagen zu prüfen, so von Winning. Denn eine Neuausweisung einer Deponie hier in der Region sei, realistisch gesehen, nicht durchsetzbar. „Die Erweiterung der Deponie Wicker ist umwelttechnisch die beste Option, die es in der Rhein-Main-Region gibt“, stellt der RMD-Geschäftsführer fest.
 
Diese Botschaft seitens der RMD stößt vor allem bei den Bewohnern in Wicker und Massenheim, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Deponiegelände wohnen, auf breite Skepsis bis hin zu offener Ablehnung. Dies zeigte sich recht deutlich in den Bürgerinformationsveranstaltungen, in den teils sehr emotionalen Beiträgen der betroffenen Bürger.
 
Spätestens nach der zweiten Informationsveranstaltung Ende Februar in der Sport- und Kulturhalle in Massenheim haben die RMD-Aufsichtsratsvorsitzende und Umweltdezernentin des Main-Taunus-Kreises, Madlen Overdick (Grüne) und der RMD-Geschäftsführer aus den Reaktionen von Bürgern erkannt, dass viel Vertrauen sowohl in die (Kreis-) Politik verloren gegangen ist, ebenso in die Rhein-Main-Deponie GmbH. Denn keineswegs haben die Menschen das damals abgegebene Versprechen seitens der politischen Entscheidungsträger vergessen, die Deponie werde ab 2022 keinen Müll mehr annehmen, der Betrieb werde eingestellt.
 
Deshalb erklärten die RMD-Verantwortlichen, den Prozess an Informationsbedarf und Beteiligung der Bevölkerung zeitlich auszudehnen und zu verlängern. Die Bürger sollen mitgenommen und Vertrauen zurückgewonnen werden. Wie groß der Wunsch nach zusätzlicher Information ist, zeigten die bis zur verordneten Corona-Zwangspause durchgeführten Führungen auf der Deponie, die allesamt rasch ausgebucht waren.
 
Auf Einladung der RMD-Geschäftsleitung fand vor kurzem ein Gespräch dieser Zeitung mit dem Geschäftsführer Heino von Winning auf dem Deponiepark statt. Anliegen der RMD war es, in Bezug auf den HZ-Bericht vom 6. März über die zweite Informationsveranstaltung am 27. Februar einiges richtigzustellen, in dem man das Konzept der Deponie auf Deponie nochmals erläutert. Ebenso wollte die RMD ihre Position darlegen, in Bezug auf die Äußerungen des Hochheimers Rolf Fritsch, der massive Kritik an den kommunalen Gesellschaftern der RMD, sowie an Geschäftsführung und Aufsichtsrat geübt hatte.

RMD-Geschäftsführer gibt Fritsch im Grundsatz recht

Aufgrund der nach Meinung von Fritsch „katastrophalen finanziellen Situation“ hatte der Hochheimer in der Veranstaltung am 27. Februar die RMD „für faktisch insolvent“ erklärt und den ausschließlich mit aktiven sowie ehemaligen politischen Funktionsträgern durchsetzten Aufsichtsrat aufgefordert, „umgehend zurückzutreten“. Seine Aussagen, die er nach Studium des 2018er Jahresabschlusses und Lageberichts der RMD gewonnen hatte, hatte er in einer späteren Stellungnahme in dieser Zeitung nochmals bekräftigt.
 
Im HZ-Gespräch gibt Heino von Winning dem Hochheimer „im Grundsatz“ Recht in Bezug auf seine betriebswirtschaftliche Betrachtung. Allerdings unterliege Fritsch dabei einem Missverständnis, weil sich seine Aussagen zur finanziellen Situation nur auf die RMD bezögen, erklärt von Winning. So habe der Hochheimer die Main-Taunus-Recycling Gesellschaft (MTR) völlig außer Acht gelassen, die mit zur RMD-Gruppe gehöre. Zusammengenommen betrage deshalb der Umsatz der Unternehmensgruppe nicht 19,5 Millionen Euro, sondern inklusive des MTR-Umsatzes 35 Millionen Euro. Für das Geschäftsjahr 2019 werde die MTR noch separat geführt, bevor sie 2020 in der RMD aufgeht. Die Gesellschaft plane auch in den nächsten Jahren Umsätze zwischen 30 und 35 Millionen Euro pro Jahr.
 
Grundsätzlich sei seine Kritik zutreffend, Fritsch ziehe daraus aber die falschen Schlüsse. „Nur durch die garantierten 60 Millionen Euro der beiden Gesellschafter bis 2027 ist eine Insolvenz abgewendet worden“, so von Winning. Man habe diese Option absichtlich vermieden, da jede Insolvenz nur weiteren Schaden produziere, das grundlegende Problem aber nicht löse. Denn letzten Endes bleiben die beiden Kreise, mit oder ohne RMD, nach wie vor in der Verpflichtung, die Abfallentsorgung sicherzustellen. Wenn keine Deponie-auf-Deponie komme, dann müssten erhebliche Steuergelder in die Deponie gesteckt werden.
 

100 Millionen Anlagevermögen, Aussicht auf viele Erlöse

Die Kritik an fehlenden Rücklagen für die Nachsorge weist der RMD-Geschäftsführer indes zurück. Für die Nachsorgekosten der Deponie sind laut von Winning 100 Millionen Euro als Rückstellungen in Form des Anlagevermögens vorhanden, und bis 2027 ließen sich damit noch viele Erlöse erwirtschaften.
 
Von Winning hatte den Auftrag, das angeschlagene Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Damit die RMD überhaupt eine Chance habe, sich finanziell zu sanieren, müsse der Betrieb weiterlaufen, um Einnahmen zu erwirtschaften, betont er. Von Winning kann nachvollziehen, wenn Menschen dies ablehnen, die in Nachbarschaft zum Deponiepark wohnen und zusätzlich durch Fluglärm belastet sind, wirbt aber um Verständnis: „Es ist richtig. Bei der Deponie auf Deponie würde der Betrieb um zwanzig Jahre verlängert. Das Lkw-Aufkommen werde aber nicht gesteigert und bleibe auf dem jetzigen Stand von 20 Lkw am Tag.“

Alte Deponie einpacken und ökologisch sicher machen

Im Gegenzug könnte die RMD den Schuldenstand von 60 Millionen Euro abbauen und durch das DaD-Konzept zudem die alte Deponie einpacken und ökologisch sicher machen. Dass die Gesundheit der Menschen deutlich vor wirtschaftlichen Erwägungen der angeschlagenen Gesellschaft stehen müsse, diese Vorgabe sieht der RMD-Geschäftsführer durch das DaD-Konzept erfüllt.
Die Bodenabdeckung der neuen Deponie nach DK II-Standard, die auf die alte gesetzt wird, besteht aus einer technisch anspruchsvollen Multifunktionsschicht, die das 18,3 Hektar große Areal horizontal abschließt wie eine große Platte. Dabei handelt es sich – vereinfacht ausgedrückt – um eine dehnbare Plane, die den Deponiekörper abdichtet und kein Wasser mehr durchlässt. Diese Plane lagert auf einer vier bis fünf Meter mächtigen Tonschicht, die sehr flexibel ist, damit sie nicht reißt. Die feuchte Tonschicht muss über die Jahre hinweg alle zu erwarteten Setzungen von bis zu sechs Metern im Bereich des alten Deponiekörpers aushalten und unbeschadet mitmachen.
100 Jahre Sicherheit durch DK II-Standard
Die Setzungen werden zwangsläufig verursacht durch das von oben drückende Gewicht der Multifunktionsschicht und der zu verfüllenden Masse des neuen Deponiekörpers mit Schlacke und Bauschutt. Der Hersteller garantiert hierbei 100 Jahre Sicherheit. Diese Technik ist in der Deponieverordnung so vorgesehen und wurde an verschiedenen Standorten bereits erfolgreich umgesetzt, so von Winning. „Wir sichern damit maßgeblich den alten Deponiekörper, in mehrfacher Hinsicht.“

Grundwasserproblematik verringert sich massiv

Durch den unterirdischen Riss in der Tonschicht im Bereich der Flächen B und C des Deponieareals „gibt es einen Austausch von unten nach oben.“ Die Problematik des Falkenbergabbruchs: Sauberes Grundwasser aus tieferen Schichten steigt nach oben, gelangt in den Deponiekörper und wäscht Müll aus. Das so belastete Grundwasser muss gemeinsam mit dem Sickerwasser durch die fünf Brunnen auf der Deponie aufgefangen werden, wird durch die Grundwasserreinigungsanlage geführt und anschließend wieder in den Bach geleitet. Durch die Technik der DaD reduziert sich das Durchsickern von Grundwasser von unten nach oben massiv durch das hohe Gewicht des neuen Deponiekörpers, der den alten Deponiekörper zusammendrückt, Zwischenräume und Poren werden damit verschlossen. Damit muss weitaus weniger Grundwasser gereinigt werden. Von oben verhindert die Abdeckfolie, dass kein Regenwasser mehr nach unten durchsickern kann.
 
Diese gasdichte Abdeckfolie begünstigt auch die vollständige Fassung des entstehenden Deponiegases. Kombiniert mit einer Einführung von Wasser zur Beschleunigung des Deponiegasumsatzes fördere dies die Umwandlung des organischen Rests in ein inertes Material.
 
Dies begünstige für die Zukunft wiederum den Übergang der Deponie von der Stilllegungsphase in die Nachsorgephase. Bevor dies überhaupt möglich ist, darf kein Deponiegas mehr entstehen, aber es dürfen auch keine Anlagen mehr aktiv sein, etwa zur Reinigung des Grundwassers. Von Winning schätzt, dass dies nicht vor 2050 der Fall sein werde. Denn Nachsorge bedeutete, dass die Deponie sich selbst überlassen bleibt und nur noch Messungen durchgeführt werden, um die Einhaltung der Grenzwerte zu kontrollieren.
Neben dem positiven Effekt einer maßgeblichen Verbesserung der ökologischen Situation der Deponie durch den Schutz der Altlast, rechne sich das Vorhaben auch in ökonomischer Hinsicht.
 

5 Mio. Kubikmeter mehr Abfall, 200 Mio. Euro Erlöse

Auf der 18,3 Hektar großen Fläche könnten fünf Millionen Kubikmeter Schlacke und Bauschutt verfüllt werden. Bei einem Preis von etwa 40 Euro je Tonne wären das Gebühreneinnahmen von 200 Millionen Euro. Aber auch bei nur 35 Euro je Tonne rechne sich das Projekt zur Deponieerweiterung. Die Kosten für die notwendige Errichtung der Multifunktionsschicht als Basisabdeckung für die neue Deponie betragen 20 Millionen Euro, die Verlegung der durch das Areal geführten Stromtrasse mit rund 10 Millionen Euro. Hinzu kommen noch Modellierungen und Stabilisierung der Seitenwände und die weiterhin laufenden Betriebskosten. Was sich aber definitiv nicht lohne, wäre die von den Hochheimer Stadtverordneten befürwortete Verfüllung des Tales, in dem die Stromtrasse verläuft. Das wären maximal nur eine Million Kubikmeter, was überhaupt nicht im Verhältnis zum Kostenaufwand stünde.
 
Neben den positiven ökologischen und ökonomischen Auswirkungen entstünde zudem Entsorgungssicherheit für verbrannten Hausmüll sowie Bauschutt in der Rhein-Main-Region für die nächsten zwanzig Jahre. Für Heino von Winning bildet das Zusammenwirken dieser positiven Effekte „einen synergetischen Dreiklang“. Warum realisiert man nicht die Abdeckung ohne neue Schlackeverfüllung? Weil es 20 Millionen Euro kostet, die letztendlich vom Steuerzahler zu tragen wären und eine Sicherung der Altlast durch das fehlende Zusammenpressen und Verdichten des Deponiematerials ausbleiben würde.
 

Tafelberg: Maximal 20 Meter über dem jetzigen Niveau

Von Winning glaubt, dass vor dem Hintergrund der geschilderten Vorteile der Deponie auf Deponie sich auch vorhandene Ressentiments in Bezug auf den entstehenden Tafelberg mit maximal 20 Metern über dem jetzigen Niveau relativieren.

„Wir haben jetzt Zeit und es eilt nicht. Der Antrag kann in Ruhe weiter vorbereitet werden und im nächsten Jahr gestellt werden“. Derzeit bestünde vom Aufsichtsrat auch kein Votum für die RMD-Geschäftsleitung, entsprechend zu handeln. Dies müssten die beiden Gesellschafter, die Kreistage des Hochtaunus- und des Main-Taunus-Kreises beschließen.

Äußerungen von Cyriax sorgen für Verwirrung

Seit dem Posting in sozialen Medien und Äußerungen in Zeitungsartikeln durch MTK-Landrat Michael Cyriax (CDU) gibt es in der Öffentlichkeit erhebliche Irritationen darüber, was denn nun genau Sache ist. Der Landrat hatte nach pressewirksamen Signalen aus der Landeshauptstadt die mündliche Offerte seitens der Wiesbadener aufgenommen, Schlacke und Bauschutt aus dem RMA-Gebiet könnten künftig auf der Deponie in Wiesbaden eingelagert werden. Daraufhin hatte der Landrat betont, er werde das Vorhaben einer Deponieerweiterung in Wicker ablehnen. Der Wiesbadener Eigenbetrieb habe vor mehr als zwei Jahren beim Regierungspräsidium zwar entsprechende Anträge für eine Deponieerweiterung eingereicht, mehr aber auch nicht, betont von Winning: „Aus meiner persönlichen Sicht, kann ich nur allen Verantwortlichen dringend raten, sich ohne einen unterschriebenen Vertrag auf so etwas nicht einzulassen. Schließlich geht es um die Entsorgungssicherheit für die Rhein-Main-Region.“

Artikel von Jürgen Kunert

RMD-Geschäftsführer Heino von Winning. Sein Vorschlag als Sanierer: die Deponie weiterbetreiben als Deponie auf Deponie "DaD". (Foto: Jürgen Kunert)

Blick vom Gewerbegebiet Hochheim auf den rekultivierten Deponie-auf-Deponie Tafelberg. Fotos: Rhein-Main Deponie GmbH.

Die rot gezeichnete Fläche umreißt das Areal, auf dem die neue "Deponie-auf-Deponie" aufgesetzt würde.