Wird die Massenheimer Gartenstadt zu "Staubgarten"?

Artikel aus der Hochheimer Zeitung von Freitag, 01.05.2020

Die Rhein-Main-Deponie GmbH (RMD) behauptet, dass durch die Deponie auf der Deponie der alte Deponiekörper sicherer werden soll. Abgesehen von vielen fachlichen Ungereimtheiten steht die RMD jedoch noch vor einem sehr viel größeren Dilemma, das bisher noch gar nicht thematisiert wurde.
 
Die neue Deponie auf der Deponie umfasst laut offizieller RMD-Planung 18,6 Hektar. Bei 85 Hektar Gesamtfläche - über 125 Fußballfeldern – sind das gerade einmal etwas mehr als 20 Prozent der Deponiefläche. Somit würde nur ein kleiner Teil des alten Deponiekörpers von der zusätzlichen DK II Abdichtung profitieren. Wie sieht das RMD-Konzept für die gesamte Restfläche der Deponie aus?

Schlackeaufbereitung und Schlackedeponierung

Licht ins Dunkel bringt der hier abgebildete RMD-Lageplan. Wird diese Planung umgesetzt, hat das nicht nur weitreichende Konsequenzen für den weiteren Deponiebetrieb, sondern bringt für die betroffenen Anwohner in der Gartenstadt, Massenheim und Wicker zusätzliche Belastungen mit sich.

Laut Planung liegt der Schwerpunkt zukünftig auf der Schlackeverwertung und -deponierung. Auf der Webseite der RMD kann man nachlesen, dass jährlich 500.000 Tonnen Schlacke in Wicker verarbeitet werden. Das bedeutet: Bei 5 Millionen Tonnen zusätzlichem Volumen ist in zehn Jahren die Deponie auf der Deponie randvoll und das ausschließlich mit Schlacke. Für weiteren Bauschutt und Erdaushub ist somit kein Platz. Oder alle bisher veröffentlichten Zahlen der RMD stimmen nicht.

Grundwasser und Staub stehen im Fokus

In den letzten Jahren hat man bei der RMD gerade mit dem Thema Schlacke keine besonders positiven Erfahrungen gemacht. Ohne Genehmigung wurden ab 2015 rund 430.000 Tonnen Schlacke illegal angenommen, was 2018 sogar die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen hat. Diese Menge muss nun im Laufe der nächsten Jahre, trotz Stilllegungsphase, erst einmal auf der Deponie untergebracht werden.
 
In der neuen RMD-Planung wird die Schlackeaufbereitungsanlage verlegt, es soll eine neue Lagerfläche für die Schlacke entstehen. Die rund 3 Hektar große Fläche soll sich in Richtung Gartenstadt an die „Deponie auf der Deponie“ anschließen und verfügt offensichtlich über keine DK II Abdichtung. Und das ausgerechnet auf der Fläche, auf der in Zukunft die höchsten Belastungen auftreten werden.

Laut LAGA Merkblatt 19/20 und LAI-Verwaltungsvorschrift (§ 5 Abs. 1 Nr. 3 BImSchG) steht das Schutzgut Grundwasser bei der Verwertung von Schlacken aus Müllverbrennungsanlagen an erster Stelle. Es wird explizit darauf hingewiesen, dass die frischen Schlacken hochaktiv sind.

Temperaturen bis zu 90 Grad Celsius, Gerüche und vor allem Auswaschungen von Metallsalzen, Sulfaten, Sulfiden und zahlreichen Schwermetallen stehen auf der Tagesordnung. Deshalb sieht das LAGA Merkblatt M20 eine dreimonatige Zwischenlagerungsphase vor, um durch Carbonatisierung und Hydratisierung die Schlacke zu stabilisieren. Erst danach, wenn die entsprechenden Eluatwerte (LAGA Z2) nachweislich eingehalten werden, darf die Schlacke aufbereitet und als Baustoff verwendet werden.

Das in der Zwischenlagerungsphase entstehende, belastete Sickerwasser muss gesammelt und gereinigt werden. Es darf keinesfalls ins Grundwasser gelangen.

In ihrer Planung klammert die RMD das Zwischenlager aus der Deponie auf der Deponie einfach aus und dokumentiert, dass dieses keine Nutzung für die DaD darstellt. Das ist fachlich eine gewagte Behauptung. Denn ohne Zwischenlager kann eine Schlackeaufbereitung gar nicht betrieben werden.
Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die völlig konträren Aussagen der RMD Geschäftsführung und der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) zum Betrieb der Schlackeaufbereitungsanlage.
Herr von Winning in der Hofheimer Zeitung vom 14. April: "Der Vorteil ist, dass wir hier eine sehr umweltfreundliche Schlackeaufbereitung haben". Diese sei nämlich auf die „"Deponiefähigkeit" ausgerichtet und nicht darauf, möglichst viel Metall aus der Schlacke herauszuholen. Die Wickerer Schlacke sei so standfest und gegen Auswaschung immun, dass sie sowohl für die Abdeckelung der Deponie als auch für den Wegebau genutzt werden könne. Das könne fast keine andere Deponie leisten.

FES Abteilungsleiter Herr Dommermuth schreibt in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.12.2013: "Der FES kommt die feinere Aufspaltung der Schlacke nicht nur zugute, weil das Metall als Rohstoff verkauft werden kann. Je weniger Metall die übrig gebliebene Schlacke enthalte, desto unproblematischer sei sie weiterzuverwenden", erläuterte der Abteilungsleiter. "Dann ist es keine Schadstofffalle."

Mal abgesehen davon, dass es keine Schlacke gibt, die immun ist gegen Auswaschung, entspricht die Aussage von Herrn Dommermuth dem Stand der Technik.

Staub bleibt für immer ein Problem

Zusätzlich zur Grundwasserbelastung wird zukünftig auch die Staubproblematik zu einem zentralen Thema werden. Selbst wenn man die Staub- und Wärmebelastung im Zwischenlager in den Griff bekommen sollte, ist damit spätestens beim großflächigen Einbau auf der Deponie Schluss. Bei 500.000 Tonnen Schlacke im Jahr und einer zusätzlichen Höhe von bis zu 20 Meter werden sich die Staubimmissionen im Umfeld der Deponie zwangsläufig erhöhen. Eine Empfehlung der LAGA führt sogar noch zu einer Verschärfung der Staubsituation: "Zur nachhaltigen Verbesserung der Schlackequalität sollte, auch wenn sich damit die Dauer der Nachsorgephase verlängert, die Aufbringung einer Oberflächenabdichtung möglichst lange herausgezögert werden."
 
Bei jeder Wetterlage mit Sonne und viel Wind wird es für die Anwohner unschön. Stellt sich der normale Flugbetrieb über der Region wieder ein, kommt zusätzlich das Kerosin-Problem hinzu. Kerosin bildet mit dem Schlackestaub ein Gemisch, das nicht nur gesundheitsschädlich ist, sondern u.a. auf Häusern und Fahrzeugen, Gärten und Pflanzen seine Spuren hinterlässt. Auf der letzten Bürgerinformationsveranstaltung hatten mehrere Anwohner diesbezüglich ihre bisher schon negativen Erfahrungen geschildert. Ihre Sorgen um die Zukunft der Landwirtschaft, Obstbauern, Kleingärtner und Winzer sind überaus berechtigt.

Von Dr. Hans-Peter Huppert

Erläuterung

LAGA: Bund/Länderarbeitsgemeinschaft Abfall. Unter anderem erstellt die LAGA zur Lösung abfallwirtschaftlicher Aufgabenstellungen Merkblätter, Richtlinien und Informationsschriften. Für den Vollzug des Abfallrechts werden Musterverwaltungsvorschriften erstellt. Mehr unter: laga-online.de.